Präventiv gegen Neonazis: Kinderrechte umsetzen

Niemand würde wohl wiedersprechen, dass Kinder Rechte haben. Aber was passiert, wenn sie diese umzusetzen versuchen? Das Projekt „Kinderrechte in der Kommune“ probiert das aus. Nach dem ersten Jahr Projektlaufzeit zeigt sich: Sind die Anfangsunsicherheiten weg, lässt sich viel bewegen.

Von Simone Rafael

Den Begriff der Kinderrechte, abgeleitet von den Menschenrechten, haben die meisten schon einmal gehört. Schon die Rechte, die darunter zu verstehen sind, dürften nicht mehr so vielen geläufig sein. Es sind das Recht auf Beteiligung an Entscheidungen, die die Kinder betreffen, Recht auf freie Meinungsäußerung, soziale Sicherheit, Schule und Ausbildung, gleiche Bildungschancen, Gleichberechtigung, gewaltfreie Erziehung, Freiheit des Denkens und auf Spiel und Erholung. Schon die Aufzählung macht klar: Es gibt etwas zu tun. Nur: Was heißt das im wirklichen Leben – Kinder beteiligen, gleichberechtigt?

Demokratie erfahren als Prävention gegen Nazi-Gedanken

Das Projekt „Kinderrechte in der Kommune“ der Amadeu Antonio Stiftung in Kooperation mit der Bürgerstiftung Barnim Uckermark und der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Demokratie und Lebensperspektiven (RAA) Hoyerswerda probiert genau das aus. Seit 2008 läuft das Projekt in Bernsdorf und Eberswalde. Idee hinter dem Projekt ist Prävention gegen Rechtsextremismus: Wo Kinder selbstbewusst sein dürfen und Erfahrungen machen können, die sie vor Ohnmachtsgefühlen bewahren, sind sie weniger anfällig für demokratiefeindliche, ausgrenzende und abwertende Ideologien und erfahren zugleich lebendig Demokratie.

Kinderrechts-Detektive mit erwachsener Lobby

Praktisch hat das Projekt verschiedene Ebenen. Als „Kinderrechts-Detektive“ decken Grundschüler Missstände in ihrer Umgebung auf, die den Kinderrechten wiedersprechen. Mit Hilfe Ihrer Erzieher und Erzieherinnen sowie eines sensiblisierten erwachsenen Unterstützerkreises wird die Verbesserung angegangen. Zugleich werden Erzieherinnen und Erzieher zum Thema Kinderrechte im Alltag fortgebildet und die Öffentlichkeit in der Kommune informiert.

Erfahrungen aus Sachsen

In Bernsdorf ist das Kinderrechte-Projekt in einem Jugendtreff in einem Mehrgenerationenhaus angesiedelt und gehört somit zum Freizeitbereich außerhalb der Schule. Hier wurde als ein Problem der Kinder vor Ort festgestellt, dass die Kinder in jedem Wetter an einer Haltestelle ohne Häuschen auf den Schulbus warten müssen.

Ein Erwachsener aus dem Unterstützerkreis trug das Thema in die Gemeindevertretersitzung. Dort wurde eine unkomplizierte Lösung gefunden: Ein Häuschen einer stillgelegten Bushaltestelle war noch in der Kommune vorhanden. Der örtliche Bauunternehmer stellte einen Tieflader zur Verfügung, um das Häuschen umzusetzen. Zu ihrer großen Freude durften einige der Kinder sogar beim Umsetzen auf dem Tieflader mitfahren.

Außerdem bestückte die Bernsdorfer Kinderrechte-Gruppe den Spielplatz des Mehrgenerationenhauses nach ihren Wünschen. Ein weiteres Projekt läuft noch: In einem Wohnviertel verrottet ein ehemaliger Spielplatz als illegale Müllabladefläche. Dort veranstalteten Kinder, Jugendliche, Eltern, der Gemeinderat und das Jugendparlament einen Aktionstag und räumten die Brache auf. Ob es auch möglich sein wird, den Spielplatz neu zu gestalten, wird derzeit geprüft.

Zum „Tag der Kinderrechte“ im November stellten die Kinder ihre Ergebnisse in Form einer Ausstellung anderen Kitas und Schulen vor und organisierten ein Kinderrechte-Fest mit spielerischen Variationen ihres Themas. Tatsächlich wirkt so viel Elan auch in die Kommune: Der Stadtrat von Bernsdorf hat offiziell einen Beschluss herausgegeben, sich zur UN-Kinderrechts-Charta zu bekennen, und will eine Kontaktstelle für Kinder im Jugendzentrum einrichten.

Erfahrungen aus Brandenburg

In Brandenburg war das Kinderrechte-Projekt an zwei Grundschulen in Eberswalde angesiedelt, einer freien Montessori-Schule und einer Förderschule für Kinder mit Lernbehinderungen. An der Montessori-Schule waren die „Kinderrechte“ eine Hort-AG zwischen Töpfern und Fußball, an der Förderschule dagegen Teil des Unterrichtes - „Kinderrechte“ standen donnerstags auf dem Stundenplan. In beiden Schulen startete das Projekt mit Projekttagen, bei denen Kinder als Kinderrechtsdetektive unterwegs waren.

An der Montessori-Schule empfanden es die Kinder als Problem, dass die Erwachsenen zu wenig über Kinderrechte wissen. Um das zu verändern, planten sie eine Aktion: Sie wollten Kinderrechte in Glückskekse einbacken und verteilen. Als das Glückskekse-Backen in der Schulküche schiefging, bot sich der lokale Bäckermeister an, mit den Kindern die Kekse zu backen.

Währenddessen fand ein Kind heraus, dass es in Eberswalde eine Initiative gibt, die armen Kindern, die ohne Essen in die Schule geschickt werden, ein kostenloses Frühstück anbietet. Hier wollten die Kinder helfen, standen mit in der Küche, redeten mit den betroffenen Kindern und beschlossen, die Initiative zu unterstützen. Die Glückskekse wurden auf dem Weihnachtsbazar verkauft und der Erlös an die Frühstücksinitiative gespendet.

An der Förderschule in Eberswalde Nordend arbeiten Pädagogen der Jugendhilfe und Lehrerinnen gemeinsam mit den Kindern und maßen dem Thema Kinderrechte große Bedeutung zu. Entsprechend vielfältig sind die Ergebnisse: Es entstand ein Film zum Thema Kinderrechte. Die Schülerinnen und Schüler schrieben einen „Kinderrechte-Song“, den sie dann im Tonstudio professionell mit Musikpädagogen einsingen konnten.

Hier ist das Thema „Kinderrechte“ auch weiterhin in der Schule präsent. Als nächste Aktion ist ein Foto-Workshop geplant, in dem die Kinder ihre Kommune mit dem Blickwinkel Kinderrechte fotografisch erforschen. Außerdem beraten derzeit die Jugendsozialarbeiter der Schule, wie das Thema „Kinderrechte“ in die Regelstrukturen von Sozial- und Jugendarbeit einfließen kann.

In diesem Jahr wird das Projekt außerdem an der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule in Eberswalde stattfinden.

Als Zwischen-Resümee stellt Projektleiter André Koch fest: „Viele Ansätze für Kinderfreundlichkeit sind sichtbar geworden, das Bewusstsein ist in den Kommunen gestiegen. Besonders positiv fand ich eine starke Offenheit für die Themen der Kinder bei den Entscheidungsträgern, die alle gern bereit waren, etwas für Kinder zu tun, wenn ihnen ein Hinweis gegeben wurde, was das ein könnte. Auch lassen sich viele Leute einbinden.“ Allerdings gehe es perspektivisch auch darum, Kinderrechte auch rechtlich-strukturell zu verankern. „Dafür wird jetzt verstärkt politische Lobbyarbeit nötig sein“, skizziert Koch die Weiterentwicklung des Projektes.

Mehr Informationen zum Projekt „Kinderrechte in der Kommune“ gibt es hier:

| www.amadeu-antonio-stiftung.de/die-stiftung-aktiv/kinder-und-menschenrechte/

drucken