Christian Petry (1941-2018)

Nachruf: Christian Petry

"Ohne ihn gäbe es wohl keine Infrastruktur gegen Rechtsextremismus", erinnert sich Anetta Kahane. Christian Petry hat als Geschäftsführer der Freudenbergstiftung die demokratische Zivilgesellschaft in Deutschland geprägt. Jetzt ist er im Alter von 77 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

 

Von Simone Rafael

 

Da gab es diesen Abend in den 2000er Jahren, da saß der damalige Freudenberg Stiftungs-Geschäftsführer Christian Petry mit junge Kolleg*innen der Amadeu Antonio Stiftung zusammen, nach einem langen gemeinsamen Tag voller anregender wie anstrengender Projektbesuche. Zu einem Glas Wein am Kamin ging das Gespräch weiter über demokratische Kultur und Beteiligung und irgendwann sagte Christian Petry in einem Ton tiefster Überzeugung: „Ich liebe Bildung!“. Ganz und gar unironisch war das gemeint, mit mitreißender Energie gesprochen und programmatisch für Petrys Lebenswerk, das vom Glauben an Bildung,  Teilhabe und Netzwerken für Demokratie geprägt war.

Mit sehr vielem, was in Deutschland mit Demokratiepädagogik, Minderheitenschutz, Integration, Rechtsextremismus-Prävention zu tun hat, hatte der 1941 geborene Christian Petry zu tun, denn er war ein Netzwerker, ein Ideengeber, Gründer und Erfinder. Vieles in diesem Bereich hat er angestoßen, mitbegründet, unterstützt, auf den Weg gebracht.  In allen Projekten fand sich die Handschrift von Christian Petry: sein fortschrittliches Denken, seine Neugier und seine Bereitschaft, Wege zu gehen, die bisher keiner gegangen ist.

 

Wege, die zuvor keiner gegangen ist

Anfangs hat er Geschichte und Soziologie in Berlin studiert und ist ab 1974 damit Lehrer und Sozialwissenschaftler am Landerziehungsheim Birklehof und an der Gesamtschule Weinheim geworden. Aus dem Lehrerberuf erwuchs Petrys genauer Blick auf Schule als Ort demokratischer Kultur – und was noch fehlt, um Demokratie für Jugendliche dort wirklich prägend erlebbar zu machen. Er wurde Leiter eines Regionalen Pädagogischen Zentrums in Aurich (bis 1979) und entwickelte daraus das grundlegende Konzept der „Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung ausländischer Kinder und Jugendlicher (RAA)“. Die erste RAA leitete er dann im Ruhrgebiet ab 1980, woraus sich ein westdeutschlandweites Netzwerk entwickelte. Nach dem Mauerfall etablierte er das RAA-Netzwerk  gemeinsam mit Anetta Kahane in den neuen Bundesländern.

1984 wechselte er als Geschäftsführer zur in Weinheim gegründeten Freudenberg Stiftung  der Freudenberg Unternehmensgruppe, die zu den Bereichen Integrationsgesellschaft, Jugendliche zwischen Schule und Beruf und demokratische Kultur, Strukturen in der Zivilgesellschaft fördern und unterstützen will. In dieser Position, die Petry bis 2009 inne hatte, entwickelte und unterstützte  Christian Petry zahlreiche Organisationen, die für Menschen- und Kinderrechte eintreten.

Zentral bleibt dabei das Netzwerk der Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Demokratie und Integration (RAA), das inzwischen in 47 Städten in den westlichen und östlichen Bundesländern aktiv ist und demokratische Kultur in Schul- und Stadtteilentwicklung einfließen lässt, etwa durch interkulturelle Schülerclubs, Roma-Mediatoren, Peer Leadership Trainings für Demokratie und gegen Rassismus, Schülerfirmen oder „Lernen durch Engagement“.  Um Bildungsbenachteiligungen von Kindern in sozial belasteten Stadtteilen auszugleichen, entstand das Konzept „Ein Quadratkilometer Bildung“ (aktuell in Mannheim, Berlin-Neukölln, Herten und Wuppertal).

Auch die „Deutsche Kinder- und Jugendstiftung“ (DKJS) hat er mitbegründet und als Gesellschafter begleitet, ebenso die „Lindenstiftung für vorschulische Erziehung“.

 

Christian Petry und die Amadeu Antonio Stiftung

Als in den 1990er Jahren zunehmend Rechtsextremismus als Demokratiegefährdung in Deutschland wahrzunehmen war,  ermöglichte Christian Petry mit der Freudenberg Stiftung den Aufbau einer eigenen Unterstützungsstruktur speziell für diesen Bereich: 1998 wurde die Amadeu Antonio Stiftung für demokratische Kultur unter Vorsitz von Anetta Kahane gegründet.

Anetta Kahane erinnert sich: „In unserer Zeit, geprägt von Umwälzungen, neigen Menschen dazu, sich handlungsunfähig zu fühlen. Zu stark wirken die Zentrifugalkräfte in der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft. Was soll da ein Einzelner schon ausrichten können? Vor dem Hintergrund der Globalisierung, Digitalisierung und Migration drängen sich Zweifel auf, besonders, da diese Zeiten Rechtspopulisten in die Hände zu spielen schienen. Christian Petry widersprach dem. Nicht mit Worten, sondern mit seinem Beispiel. Er war einer der klügsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Scharfsinnig, originell und sortiert nach erstens, zweitens und drittens diskutierte und analysierte er Probleme und fand praktische und mutige Lösungen. Er wollte nie selbst gelten, sondern anderen, die es brauchten, Geltung für ihre Themen verschaffen.“

 

Christian Petry und Belltower.News

Christian Petry war nicht nur der wichtigste Wegbereiter und Wegbegleiter der Amadeu Antonio Stiftung, sondern blieb auch fortan als stellvertretender Vorsitzender der Stiftung verbunden, inspirierte Projekte und half mit Kontakten und Fürsprache – was unter anderem zur Gründung der ersten publizistischen Web-Projektes der Amadeu Antonio Stiftung führte, www.mut-gegen-rechte-gewalt.de mit dem Magazin „der stern“. Er war auch die engagierte Kontaktperson, als die „ZEIT“ einen neuen Träger für ihr journalistisches Web-Portal  „Netz gegen Nazis“ suchte. 2008 ging www.netz-gegen-nazis.de in die Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung über und war das Vorgänger-Portal zu www.Belltower.News (ab 2017), also der Website, auf der Sie gerade diesen Text lesen.  So können wir auch aus praktischer Erfahrung sagen, dass es zu Petrys großen Stärken gehörte, Ideen und Kritik so wertschätzend zu äußern, dass es immer eine Freude war, seine Anregungen wirken zu lassen. Auch ganz praktisch zeigte er, was es für eine Freude ist,  über Themen zu diskutieren, wenn das Gegenüber es ernst meint damit, auch die Positionen anderer zu durchdenken und bei guter Darlegung nicht nur anzuerkennen, sondern sie sich auch zu eigen zu machen und dafür zu streiten. Nicht zuletzt hat er uns auch mit Texten unterstützt. Sie können Sie hier lesen. Sie zeigen sein Herz für das Thema Debattenkultur.

Bildung, Integration, Schulöffnung und demokratische Schulstrukturen, Kinderrechte, Rassismus- und Rechtsextremismus-Prävention – damit sind Christian Petrys Interessensgebiete längst nicht erschöpft. Medien waren ihm auch zentral – und mit Erfindung des europäischen CIVIS Medienpreises regte er die großen Sendehäuser Europas dazu an, sich systematisch mit den Themen Migration und Integration, aber auch Rassismus und Rechtsextremismus zu beschäftigen.

 

Ideen im Dienst von demokratischer Kultur und Integration

Er unterstützte auch Wissenschaft (u.a. Unterstützung des Forschungsprojektes  „Deutsche Zustände“ zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit der Universität Bielefeld, Rat für Migration, Mediendienst Integration). Er setzte sich für die Belange von Sinti und Roma ein (u.a. Vorsitzender des Forum für Roma Inclusion des European Foundation Centers, Begleitung der Entwicklung und Realisierung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma).  Weil ihm Engagement so wichtig war, war auch das Thema „Bürgerstiftung“  ein Steckenpferd. Mit der „Bürgerstiftung Barnim-Uckermark“ erprobte er ganz praktisch, was solche Institutionen regional bewegen können.

Anetta Kahane schreibt in der „Berliner Zeitung“: „Christian Petry hätte ein berühmter Professor sein können, ein wichtiger Autor, Philosoph oder Politiker. Er hätte überall eine glänzende Karriere gemacht. Er entschied sich jedoch für etwas anderes. Seine Leidenschaft war es zu sehen, wie Menschen aufblühen, wie Kinder und Jugendliche sich entfalten, wie Schulen zu einem Ort werden, in dem demokratisches Lernen möglich wird. Und zwar auch und besonders für die Benachteiligten, für diejenigen, die trotz des Rassismus’ in der Gesellschaft in ihr einen Platz brauchen. Er war von der Idee beseelt, dass Individuen etwas ausrichten können. Deshalb stellte sich Christian Petry ganz in deren Dienst. (…) Er hat damit die Nachwendezeit stark beeinflusst. Ohne ihn gäbe es wohl keine Infrastruktur gegen Rechtsextremismus. Und in der Vorwendezeit hätte es ohne ihn wohl keine praktische Schulreform gegeben, die systematisch Kinder aus Migrantenfamilien einbezieht. Viele der Dinge, die heute selbstverständlich sind, gehen auf seine Ideen zurück. Er war ein zutiefst liberaler Mensch mit klarer moralischer Haltung, die Rassismus oder Antisemitismus ohne Wenn und Aber ausschloss.“

Ganz praktisch hat Christian Petry dabei nicht nur Menschen zu Netzwerken verknüpft und für ihre demokratische Arbeit und ihr Engagement ermutigt – er hat auch für die Finanzierung der Arbeit gesorgt. Er sorgte für stabile Strukturen, damit sich die Projektverantwortlichen auf nachhaltige Erfolge konzentrieren konnten.

 

Ein Rückhalt in schweren Zeiten

Als Stiftungsrat der Amadeu Antonio Stiftung begleitete Christian Petry bis zuletzt die Arbeit unserer Stiftung. Immer wertschätzend und ermutigend war er stets ein Rückhalt für das gesamte Team der Stiftung auch in schweren Zeiten – und das auch trotz eigener schwerer Krankheit. Mit Christian Petry verliert die Amadeu Antonio Stiftung nicht nur einen vertrauten Weggefährten und Freund, sondern auch einen vorbildlichen Streiter für die Demokratie.

Christian Petry ist am 12. November 2018 im Alter von 77 Jahren gestorben.

Wir werden ihn sehr vermissen. Und sein Vermächtnis weiterführen.

 

Mehr im Internet: Texte von Christian Petry in Publikationen der Amadeu Antonio Stiftung

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