Bild aus der Ausstellung "EXIT. Bilder und Texte von Rechtsextremen im Ausstieg"
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"EXIT-Lebensbilder": Der fragile Raum des Ausstiegs

In dieser Woche endete die Fotoausstellung "EXIT. Bilder und Texte von Rechtsextremen im Ausstieg" in Berlin. Die Friedrich-Ebert-Stiftung nutzte die Finissage, um über mögliche Folgen der NSU-Ermittlungen für die Ausstiegsarbeit in Deutschland diskutieren zu lassen. Die meisten Einblicke aber bot das Gespräch mit einem Aussteiger.

Von Alice Lanzke

Auf den ersten Blick wirkt das Bild romantisch: Die diesige See, ein einsames Schiff am Horizont, der milchig verwaschen abgelichtet wurde. Für Prof. Dr. Ulrike Pilarczyk von der TU Braunschweig zeigt das Foto aber noch etwas ganz anderes: Orientierungslosigkeit, Leere, Stillstand. Gemeinsam mit Studierenden hat sie Fotos von Aussteigern aus der rechtsextremen Szene analysiert. Die Bilder basieren auf der EXIT-Fotowerkstatt "Lebensbilder", bei der sich Aussteigerinnen und Aussteiger zwischen 16 und 38 Jahren auf künstlerische Weise mit diesem für sie wichtigen und prägenden Teil ihrer Lebensgeschichte auseinandergesetzt haben. Pilarczyks Studierende analysierten die Bilder aber nicht nur, sie interpretierten sie neu und kombinierten sie mit Versatzstücken aus Texten, die die Aussteigerinnen und Aussteiger selbst zu ihren Fotos geschrieben hatten.

Immer wieder zeigen die Bilder der Ausstellung starke Strukturen.

Während dieses Prozesses gewann Pilarczyk vor allem eine Erkenntnis: Anders, als "Außenstehende" meinen könnten, werde der Ausstieg eben nicht sofort als Befreiung empfunden. Stattdessen erzählten die Bilder von einer Suche nach Halt in einer fragilen Situation. So fielen bei der Analyse der Fotos etwa auf, dass das Motiv "starker Strukturen" wie Zäune, Gitter oder Schranken immer wieder kehre. Dazu seien auf den Bildern oft Wege zu sehen, deren Ziel aber nicht erkennbar sei. "Die Fotos zeigen so eine Hoffnung auf Zukunft anstatt der Gewissheit, eine Zukunft zu haben."

"Dramatischer Gewöhnungseffekt"

Das Ende dieser Ausstellung nutzte die Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin, um über "Konsequenzen und Perspektiven für Ausstiegsarbeit in Deutschland" ein Jahr nach Bekanntwerden der NSU-Morde zu diskutieren. So stellte sich die Frage, ob die Brutalität und Gnadenlosigkeit der Morde mehr Rechtsextreme zum Ausstieg bewegt habe – eine Frage, die Bernd Wagner von EXIT-Deutschland verneinte: "Die Menschen, die sich in dieser Szene bewegen, führen einen Krieg. Entsprechend hat das Auffliegen des NSU nicht zu mehr Ausstiegen geführt." Auch Frank Jansen, Redakteur des "Tagesspiegel" bestätigte diese Beobachtung: "Es gibt vielmehr eine klammheimliche Zustimmung der Szene, zumal die Opfer des NSU ja genau in deren Feindbild passen."

Bernd Wagner kritisierte in der Folge insbesondere den dramatischen Gewöhnungseffekt, der seit der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu den NSU-Morden eingetreten sei: "Ich bin erstaunt, wie wenig gesellschaftlichen Rückhalt es seither gibt."

Das erste Mal Freiheit

Den Abschluss der Finissage bildete ein Gespräch mit einem der am "Lebensbilder"-Projekt beteiligten Aussteiger, das erschreckende Einblicke in sein Leben vor dem Ausstieg schuf. 15 Jahre hatte sich der anonym bleibende Mann im rechtsextremen Umfeld bewegt, fünf Jahre davon in der "organisierten Naziszene", wie er selbst sagte. Er bestätigte Bernd Wagners Bild vom Krieg: "Tatsächlich befindet man sich dann im Krieg mit einem Scheißsystem." Ideologie würde in der Szene alles beherrschen, die sich selbst eine Bewegung nenne – und mit dem Klischee vom dumpfen und dummen Rechtsextremismus nicht wirklich etwas zu tun habe. "Es werden Konzepte geschrieben, Kampagnen entwickelt und zivilgesellschaftliche Entwicklungen aufs Genaueste beobachtet", so der Aussteiger.

Der Weg ins Ungewisse

Er selbst habe vor allem Jugendliche in Berlin rekrutiert, sie zunächst angesprochen, ihnen bei Problemen geholfen und sie schließlich zu Veranstaltungen eingeladen. "Irgend wann habe ich bei mir aber eine unglaubliche Unzufriedenheit bemerkt", erinnert er sich. Er habe das Gefühl gehabt, gegen Mauern anzurennen und sich aufzuopfern. Diskussionen über Zweifel fänden aber in der sogenannten Gemeinschaft nicht statt. Diese Zweifel und Unzufriedenheit führten ihn schließlich Richtung Ausstieg. "Damals war ich allerdings naiv: Ich dachte nicht, dass mir mein gesamtes soziales Netzwerk wegbricht." Stück für Stück habe er sich aus der Szene zurückgezogen und das mit einer offenen Gerichtsverhandlung gegen ihn begründet. Doch die einstigen Kameraden waren zu jener Zeit bereits misstrauisch, observierten und stellten ihn schließlich. "Da habe ich mich zum ersten Mal positioniert – und zum ersten Mal ein Gefühl der Freiheit gehabt." Im Gegensatz zur propagierten Freiheit der rechtsextremen Szene, die nie die Freiheit des Einzelnen meine.

Die Unsicherheit des schwerelosen Raums

Neben der Freiheit verspürte er aber vor allem unglaubliche Angst. "Innerhalb von 15 Minuten wurden Freunde zu Feinden." Noch einmal habe er gemerkt, dass alles der Ideologie untergeordnet werde – auch die Gemeinschaft. Ab diesem Zeitpunkt habe er sich in einem schwerelosen Raum befunden. Er verließ die Stadt und befand sich nach seinen eigenen Worten erst mit diesem Bruch wirklich im Ausstieg.

Heute hat er das Abitur nachgeholt, will studieren und Sozialarbeiter werden. Er habe viel reflektiert und nun das Gefühl, wieder in den Spiegel schauen zu können. "Vor allem aber hat mir der Ausstieg ein zweites Leben geschenkt." Bis dahin, und das zeigen auch die "EXIT-Lebensbilder", war es ein langer und unsicherer Weg.

 

Mehr Informationen zum EXIT-Katalog "Lebensbilder: Wege aus dem Extremismus":

| Herausgeber:

EXIT-Deutschland

c/o ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur GmbH, Berlin

www.exit-deutschland.de

| Der Katalog kann auf Anfrage bestellt werden unter:

info@exit-deutschland.de

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