Referent_innen bei "Antisemitismus in Europa- Berichte und Analysen aus Deutschland, Großbritannien, Polen und Griechenland": Mark Gardner, Katarzyna Wielga-Skolimowska, Moderatorin Alice Lanzke, Prof. Dr. Andreas Zick, Anetta Kahane und Dimitri Kravvaris v.l.n.r.
ngn/M.E.

Antisemitismus: Eine europa-weite Herausforderung

In Griechenland haben 69% der Bewohner_innen antisemitische Überzeugungen. In Deutschland gab es diesen Sommer zahlreiche anti-israelische Proteste, bei denen sich starke antisemitische Tendenzen zeigten. In Polen bewährt sich schon lange der christlich basierte Antisemitismus: Die Jüd_innen hätten Christus getötet und begingen Ritualmorde. Großbritannien hat mit muslimisch motiviertem Judenhass zu kämpfen: Dem Schutz vor jihadistischen Anschlägen hat sich dort der CST verschrieben. Der Antisemitismus ist und bleibt ein Alarmsignal für die Demokratie und dient als wichtiger Indikator des Zustands einer Gesellschaft. Er wird nie gehen, aber vielleicht muss man es wie mit einem Geist machen: Anerkennen, dass er hier ist, und ihn dann zu vertreiben versuchen.

Von Mira Erdmann

Anlässlich der „Aktionswochen 2014 gegen Antisemitismus“ fand im Grimm-Zentrum in Berlin am 11. Dezember 2014 eine Podiumsdiskussion zum Thema „Antisemitismus in Europa“ mit Expert_innen für Antisemitismus beziehungsweise Vorurteilsforschung aus vier europäischen Ländern statt: Deutschland, Polen, Griechenland, Großbritannien.

Antisemitismus ist ein Gefühl

Antisemitismus ist, laut der Vorsitzenden der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane,  ein beständiges, ein diffuses, nicht fassbares Gefühl . Und je näher man der Aufdeckung und Diagnose antisemitischer Vorurteile kommt, desto stärker werden diese verleugnet. Antisemitismus besteht klassischer Weise aus Verschwörungstheorien rund um politische wie ökonomische Machtverhältnisse. Um diese wird eine Art antisemitische Saga gesponnen, der zum Kern hat: Jüd_innen sind böse und schlecht. Dieser Mythos ist antiemanzipatorisch und antidemokratisch aufgeladen und flammt immer wieder auf: . Oft ist es eine Kombination aus Skepsis und (verkürzter) Kritik gegenüber herrschenden Zuständen, etwa gegenüber autoritärer Politik oder politischen Entscheidungen), die nicht beeinflussbar scheinen, führt dann zum Aufflammen antisemitischer Tendenzen. Die für Antisemitismus Ansprechbaren legen sich schnell ein geschlossenes Weltbild zu, das durch negative Gefühle gegenüber Jüd_innen anfüttert wird und das möglichst einfache, aber für Antisemit_innen schlüssige Erklärungen gibt -  meist für das eigene Leiden oder jegliche Missstände, die wahrgenommen werden.

In Europa erfand man nicht nur Demokratie, sondern auch Antisemitismus

In Europa, wie Kahane sagt, wurde der Antisemitismus erfunden. Man entwickelte im „Abendland“ ein pervertiertes Bild des Judentums, das heutzutage immer noch teils verschwörungstheoretisch, teils israelbezogen daherkommt. Nicht nur Deutsche, sondern auch Europäer_innen betrieben zur Stärkung des eigenen, nationalen oder religiösen Gruppengefühls  eine scharfe Abgrenzung zu „gegnerischen“ Kleingruppen wie Jüd_innen oder Roma.

Aktuell scheint  die europäische Gemeinschaft wieder auseinander zu rücken. Durch Kritik an der Europäischen Union, durch die ökonomische Krise in Europa und durch das Bedürfnis, nationale Identität wieder zu stärken führen, steigt das Aufkommen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeiten. Diese zielen nicht nur darauf, jemandem die Schuld für gesellschaftliche und wirtschaftliche Missstände zu geben. Auch  die allgemeine Ablehnung von allem, was als „fremd“ definiert wird, spielt hierbei eine große Rolle. Klassischer Antisemitismus hat eine hierbei eine klare Sündenbock-Funktion. Aber auch der Rassismus steigt anlässlich der Flüchtlingsthematik und der Symptome der Globalisierung.

Gerade jetzt ist es deshalb wichtig, Antisemitismus und Rassismus zu thematisieren, bevor diese Ideologien mit rechtsextremer Untermauerung weiter Fuß in der Gesellschaft fassen können.

Was man bräuchte: Ein Aktionsjahrhundert gegen Antisemitismus

Professor Andreas Zick,  Vorurteilsforscher an der Universität Bielefeld, bestätigt diese unbedingte Handlungsnotwendigkeit. Er trifft seine Aussagen über antisemitische Tendenzen auf Basis der Studie „Fragile Mitte - feindselige Zustände“, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt und im November dieses Jahres veröffentlicht wurde. Seiner Meinung nach müsste es statt vier Aktionswochen ein ganzes Aktionsjahrhundert gegen Antisemitismus geben. Auslöser  der aktuellen starken antisemitischen Vorurteile in der Gesellschaft sind für ihn die ökonomische Krise, die mit einer allgemeinen Unzufriedenheit einhergehe, und der Nahostkonflikt, der immer wieder als Vehikel für israelbezogenen Antisemitismus dient, wie zuletzt in  diesem Sommer bei Anti-Israel-Demonstrationen.Beim israelbezogenen Antisemitismus  wird der israelische Staat nicht als politischer, sondern als jüdischer Staat angesehen. In den schlimmsten Fällen parallelisieren Antisemit_innen die Gewalttaten der israelischen Armee mit den Verbrechen der Nationalsozialist_innen und verkaufen dies als  vermeintlich objektive Kritik an der israelischen Politik. Doch diese vermeintliche Kritik knüpft leider allzu häufig an antisemitische Stereotype wie Machtgier, finanzieller Wohlstand oder kruderen Behauptungen wie „Kindermörder Israel“ an. Israelbezogene Antisemit_innen drängen darauf, die Diskriminierung jüdischer und israelischer Menschen durch diese „objektive“ Kritik  zu legitimieren.

Die Studie zeigt, dass entgegen der Erwartungen im Moment der klassische Antisemitismus im Vergleich zum sekundären Antisemitismus auf dem aufsteigenden Ast ist: Proteste wie die Montagsdemonstrationen, allgemeine Politikverdrossenheit und andauernde Finanzkrisen fördern klassische antisemitische Vorurteile und Weltbilder. In den  Erklärungsmustern werden jüdische Menschen zu Fremdkörpern der Gesellschaft, und als solche verantwortlich gemacht für alle Dinge, schief laufen oder Schaden bringen. Hierbei geht es um die Überbetonung kultureller Unterschiede. Und das gegenüber einer Gruppe von Menschen, die seit Jahrhunderten in ganz Europa lebt.

Polen: fehlende Debatten und das Christentum als Einfluss

Auch in Polen hält sich der Antisemitismus hartnäckig, berichtet Katarzyna Wielga-Skolimowska, Direktorin am Polnischen Institut Berlin und Koordinatorin  polnisch-israelischer Kulturaustauschprojekte. Aus ihrer Sicht nimmt die Ablehnung gegenüber jüdischen Menschen derzeit sogar zu. Als ausschlaggebend für den anhaltenden Antisemitismus in Polen sieht sie vor allem die fehlende öffentliche Diskussion und Aufarbeitung des Antisemitismus aus der NS-Zeit. Die öffentliche Debatte hätte wohl einfach nicht zur sowjetischen Ideologie und zum Kommunismus gepasst. Erst mit Erscheinen des Buches „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“ des US-amerikanischen Historikers polnisch-jüdischer Herkunft Jan Tomasz Gross im Jahr 2001 wurde eine öffentliche Aufarbeitung  antisemitischer Übergriffe und Pogrome in der polnischen Gesellschaft ausgelöst. Die Pol_innen hatten sich mit dem Gedanken zufrieden gegeben, deutsche Nazis wären für die Pogrome von Jedwabne am 10.07.1941 verantwortlich gewesen. Dass Gross in seinem Buch erstmals beleuchtete, dass in Wahrheit Dorfbewohner_innen den Tod von rund 1.600 polnischen Jüd_innen in dieser Nacht verursachten, löste innergesellschaftlich einen großen Schock aus.

Antisemitismus in Polen tritt vorherrschend in Form christlich basierter Vorurteile auf: Die katholische Kirche prägt, obwohl die Kirchgänger_innen von Jahr zu Jahr weniger werden, die Ansicht der Pol_innen, jüdische Menschen würden Ritualmorde begehen oder hätten Christus getötet. Antisemitische Vorurteile hegen meist christliche, traditionsverhaftete, konservative ältere Menschen. Anzumerken ist aber, dass keinerlei anti-israelischen Demonstrationen in Polen anlässlich des Nahost-Konflikts stattgefunden haben.

In Großbritannien kämpft man gegen antisemitischen Terrorismus

Der Vertreter des Community Security Trust (CST), Mark Gardner, berichtet vor allem von seiner Arbeit in Großbritannien. Der CST wurde 1994 gegründet und ist für den Schutz der jüdischen Gemeinde Großbritanniens sowie für die Beobachtung antisemitischer Tendenzen und Aktivitäten zuständig. Gardner erzählt vor allem von der Notwendigkeit, eng mit der Polizei und der Regierung zusammen zu arbeiten, um ein breites Kommunikationsnetzwerk aufrecht zu erhalten und Informationen über die Bedrohung durch jihadistischen Terrorismus zu bekommen. Maßnahmen zum Schutz vor Terrorismus und vor antisemitischen Straftaten sind beispielsweise die Verdichtung der Fenster jüdischer Gemeinden, damit Menschen nicht durch Glassplitter verletzt werden, falls es zu einer Bombenexplosion vor dem Gebäude kommt.

Griechenland als Sorgenkind: Antisemitismus stark wie nie zuvor

Während in der Bundesrepublik über antisemitische Vorfälle ungenügende, aber  wenigstens vorhandene Erhebungen gibt, haben die Griech_innen ein ganz anderes Problem: Nach einer weltweiten Studie zu Antisemitismus hegen 69% der griechischen Bevölkerung antisemitische Überzeugungen. Damit ist die Situation bezüglich Antisemitismus in Griechenland prekär. Studien zu Antisemitismus, die schon jahrelang die Feindseligkeit bewiesen, werden in der Öffentlichkeit nicht thematisiert. Teilweise werden die Institute, die Urheber der Studien sind, diskreditiert und als unzuverlässig abgetan. Nur wenige Journalist_innen und Blogger_innen versuchen, die Debatte in die Öffentlichkeit zu tragen, und sehen die Chrysi Avgi ( die rechtsextreme Partei „Die goldene Morgenröte“) als gesamtgesellschaftlichen Trend. Vollkommen absurd außerdem das Ergebnis einer Studie von 2001: 42% der Griech_innen glaubten, dass 4.000 jüdische Menschen vorher vom Anschlag auf das Worldtrade-Center wussten und deshalb am 11.9.2001nicht in das Gebäude zur Arbeit gingen.

Gründe für den erschreckend starken Antisemitismus in Griechenland?

Der Holocaust wird in der griechischen Schule sehr selten angesprochen. Hierzulande kaum bekannt ist außerdem die doppelte Wahrnehmung des Wortes „Holocaust“ in Griechenland: Dort wird als „ Holocaust“ der Völkermord an den europäischen Jüd_innen im Nationalsozialismus bezeichnet, aber auch das „Leiden der Griech_innen“ in vielen geschichtlichen Kontexten, wie beispielsweise dem Ersten Weltkrieg. Die Frage ist, inwiefern diese Wahrnehmung nicht schon an sich sekundär-antisemitische Tendenzen zeigt, da die Sichtweise vom Holocaust als nicht-singuläres Ereignis eine Relativierung desselben nahelegt.

Theoretisierung des Judenhasses

Der Judenhass in Griechenland entstand maßgeblich durch dessen Theoretisierung durch Intellektuelle im frühen 20. Jahrhundert: Die Differenz zwischen Griech_innen und Jüd_innen wurde dabei stark betont. Jüdische Menschen wurden als Bedrohung der „reinen“ Griech_innen dargestellt. Es wurden sogar Fortsetzungen zu Hitlers „Mein Kampf“ von griechischen Autor_innen verfasst. Auch das antisemitische „Protokoll der Weisen von Zion“ war weit verbreitet und ist in Griechenland immer noch frei erhältlich. Die griechische Regierung erkannte Israel erst 1990 als Staat an.

Was kann man europaweit gegen Antisemitismus tun?

Ausführliche und klare Datensammlungen über antisemitische Tendenzen wie eine Dokumentation antisemitischer Straftaten und Gewaltübergriffe sowie fortlaufende  Studien und Umfragen zu antisemitischen Einstellungen der Bevölkerungen wären ein erster, wichtiger Schritt, um daraus eine Analyse und schließlich eine Ursachenfindung entwickeln zu könnenDie europäischen Länder müssten mehr miteinander kommunizieren, um sich gegenseitig Hilfestellungen geben zu können. Der Austausch über gute Praxis, also über erfolgreiche Projekte und Aufklärungsmaßnahmen gegen Judenhass, wäre eine Grundvoraussetzung, um erfolgreiche Strategien auf andere Staaten übertragen zu können.

Auch Begegnungen mit jüdischen Menschen kann dem „Gerücht über die Juden“, wie Adorno den Antisemitismus definierte, entgegenwirken. Von den in Polen rund 60% der Menschen mit antisemitischen Vorurteilen haben immerhin 90% noch nie einen Juden oder eine Jüdin getroffen. Begegnungen würden zumindest den traditionellen Antisemitismus wohl ein gutes Stück entzaubern, das böse Weltbild würde kippen. Man bräuchte überall mehr Aufklärung über das Judentum und das Aufzeigen des jahrhundertelangen Zusammenlebens. Um Toleranz zu fördern und Vorurteile zu widerlegen.

Mehr im Internet:

| www.amadeu-antonio-stiftung.de

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