Rechtsextreme im "Weltnetz" – ein Überblick

Neonazis im Internet - das politische Spektrum am rechten Rand ist digital so breit gefächert wie in der Realität auch. Es reicht von den "Heimseiten" regionaler "Kameradschaften" über den Versandhandel, über die Websites der Parteien und über die Internet-Auftritte der Szene-Bands bis zu persönlichen Blogs.

Von Burkhard Schröder

Eine allgemeine politische Strategie der Rechtextremen im Internet ist nicht zu erkennen. Die einzelnen Gruppen stehen oft in Konkurrenz zueinander. Gemeinsamkeiten wie die zwischen der Deutschen Volksunion (DVU) und der nationaldemokratischen Partei (NPD) sind aus Erfolgsdruck geboren und dienen allein dem Zweck, durch zeitlich und örtlich begrenzte Kooperation politisch etwas zu erreichen. Die jüngsten Wahlerfolge der NPD in den neuen Bundesländern spiegeln sich aber nicht im Internet wieder: Weder hat die Zahl der Websites rechtsextremer Regionalgruppen zugenommen noch nutzen diese das Medium effektiv, um Propaganda zu betreiben. Die meisten Betreiber gut besuchter rechter Websites und Foren sind entweder kommerziell orientiert - sie wollen etwa Kleidung oder Musik verkaufen - oder sie sind Ein-Mann-Projekte. Diese werden aber sehr schnell vom Netz genommen, sobald der Betreiber die Lust verliert oder auf Dauer nicht genügend Resonanz findet.

 Die Funktionäre der NPD lassen sich gern und oft auf der Website der Partei abbilden. Sie versuchen sich als seriös darzustellen, obwohl einige von ihnen in ihrer Vergangenheit im militanten neonazistischen Milieu verkehrten. Das gilt insbesondere für die NPD-Fraktion im sächsischen Landtag und in Mecklenburg-Vorpommern. Die rechte Skinhead-Jugend und die so genannten "Freien Kameradschaften" werden kaum angesprochen, obwohl diese Gruppen die Mehrheit bei Konzerten, Demonstrationen und anderen Events stellen. Sie haben ihre eigenen Websites.

Die zentrale Botschaft der NPD im Internet ist: "Die Vielfalt der Kulturen erhalten! Überfremdung und Einwanderung stoppen!" Was "Kultur" ist, wird nicht verraten. Die Neonazis setzen schlicht "Volk" und "Kultur" gleich. So wird Kultur letztlich eine biologische Angelegenheit. Die Heimat, so steht es auf der Website der NPD, wird "ethnisch" - also völkisch verstanden. Die NPD propagiert den Nationalstaat des 19. Jahrhunderts und auch eine "nationale" Wirtschaft. Mit Europa kann sie nichts anfangen. Im Kleingedruckten steht nicht anderes als die Parolen, die auch die NSDAP Adolf Hitlers begrüßt hätte: Die NPD wendet sich gegen "die Veränderung des deutschen Volkscharakters" und den "Umbau Deutschlands zu einem Vielvölkerstaat". Die Rechtsextremen fordern die "konsequente Rückführung der hier lebenden Ausländer", verschweigen aber, dass sich die rassistischen Vorurteile ihrer Mitglieder auch gegen deutsche Staatsbürger mit dunkler Hautfarbe richten - wie den Fußballnationalspieler Gerald Asamoah.

Mit Blogs Meinung verbreiten

Erst seit 2007 sind einige Neonazis dazu übergegangen, Blogs ins Netz zu stellen. Das "Nationale Netztagebuch" wird laut Impressum vom NPD-Kreisverband Barnim-Uckermark verantwortet, bietet inhaltlich jedoch nicht viel: Die spärlichen Kommentare und Diskussionen drehen sich um die sattsam bekannten rechten Themen wie "die Juden" und "Ausländergewalt".

Ein Blog oder auch ein Internet-Forum leben von kontroversen Diskussionen und der Vielfalt der Meinungen. Wenn aber immer die gleichen dummen Vorurteile und hohlen Phrasen verkündet werden, empfinden die Nutzer das als langweilig. Argumente helfen nicht gegen Vorurteile. Aus diesem Grund muss der Plan, die Diskussionskultur im Internet für die politischen Zwecke der Rechtsextremen zu nutzen, scheitern. Ein Neonazi-Blog ist wie ein Scientology-Blog oder ein anderes Sektenblog: Es verkündet "Wahrheiten", die die meisten Menschen als bloße Propaganda empfinden und nur die ansprechen, die ohnehin schon so denken wie die Rechtsextremen.

Die Websites der "unabhängigen" Rechtsextremisten zeigen bis auf wenige Ausnahmen eine große Fluktuation. Kaum ein Portal oder private Homepage ist über mehrere Jahre im Netz. Ein Trend ist seit einigen Jahren unverkennbar: Nur große internationale Websites und Foren scharen eine relevante Zahl von Nutzern um sich und bleiben dauerhaft online.

Durch Lifestyle Propaganda

Einen politischen Einfluss auf potenzielle Sympathisanten können nur diejenigen haben, die sich kommerziell orientieren und das Lebensgefühl der Szene mit Musikangeboten und einschlägiger Kleidung bestärken.

Portale wie "Wikingerversand" oder das Label "Thor Steinar" wenden sich nicht nur an das rechtsextreme Milieu, sondern auch an das diffuse Umfeld von Jugendlichen, die sich dem modischen Mainstream verweigern und etwas tragen wollen, das sich von anderen abhebt und gleichzeitig provoziert. Dazu gibt es Soldatenfiguren und Spielzeug-Kraftfahrzeuge aus dem 2. Weltkrieg, Porzellan, heidnischen Kitsch und Schiffsmodelle. Das alles hat nichts mit Politik zu tun, wird aber im Ambiente auf der Website identifiziert.

Rechtsextreme Websites sind nur dann gefährlich, wenn sie glaubhaft Informationen anbieten, die in den klassischen Medien nicht vorkommen und wenn sie unabhängig von einzelnen Gruppen und kurzlebigen Strömungen sind.

Altermedia ist eine der wichtigsten Plattformen, die den Streit über politische Inhalte in der rechtsextremen Szene öffentlich auszutragen.

Das gilt auch für skadi.net, ein Forum, dem es erst in den letzten Jahren gelungen ist, einen relevanten Teil der rechtsextremen Internet-Aktivisten in den USA und in Europa an sich zu binden. Die scheinbar hohe Mitgliederzahl besagt wenig, da sich jeder anmelden kann, auch diejenigen, die Neonazis nur beobachten und etwas gegen sie unternehmen wollen. Die deutsche Sektion stammt aus dem "Nationalen Forum", das im Frühjahr 2004 mit skadi.net fusionierte.

Wichtig ist das Internet vor allem für die gegenseitige Verlinkung. Auf offensichtlich neonazistischen Websites findet man auch auch Verweise auf skurille Polit-Sekten wie die "Christlich Falangistische Partei Deutschlands" oder die private Homepage des bekannten Neonazis Christian Worch. Der entscheidende Vorteil des Internets für die politisch konspirativ arbeitenden Neonazi-Kader aber ist auf der Oberfläche des World Wide Web nicht zu sehen: Die Kommunikation läuft weitgehend nicht mehr über Telefone und Handys, sondern über - oft verschlüsselte - E-Mails.

Zum Thema

| Die Internet-Foren der Neonazis

| Was konkret tun gegen Rechtsextremismus im Internet?

| Internet gegen Rechts - Ausführliche und kommentierte Linksammlung zum Thema Rechtsextremismus im Internet.

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