Bild eines Aussteigers
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Die Rückkehr der rechtsextremen Gewalt nach Deutschland

Was versteht man heute unter Rechtsextremismus? Wie schnell kann man in der rechten Szene landen? Wie schafft man den Ausstieg?  Und was ist mit den Opfern von Neonazis? Vor allem der aktuelle NSU-Prozess lenkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf rechtsextreme Gewalt, die seit den 1990ern rapide angestiegen ist.

Von Sina Laubenstein

Der Rechtsextremismus in Deutschland hat sich verändert: Die Zahl der gewaltbereiten Neonazis steigt, rechtsextreme Gewalttaten sind aus den Nachrichten inzwischen nicht mehr wegzudenken. Der Band zur  Ausstellung "Rechtsextreme Gewalt in Deutschland 1990-2013" mit Fotografien von Sean Gallup des Militärhistorischen Museums zeigt, wie sich die zunehmende Gewalt von Neonazis in Deutschland äußert. Zwei Jahre reiste der US-amerikanische Fotograf durch alte und neue Bundesländer. Seine fotografischen Zeugnisse werden ergänzt durch Essays über die Erscheinungsformen und den Wandel des Rechtsextremismus in Deutschland, über Erfahrungsberichte der Autoren bis hin zu Porträts von Opfern, Neonazis und Aussteigern bietet der Band, neben eindrucksvollen Bildern, einen umfassenden und teilweise schockierenden Einblick in die rechte Szene.

"Die Kugel ist für Dich, Mo Asumang"

Mo Asumang, eine deutsche Schauspielerin mit ghanaischen Wurzeln, berichtet in ihrem Beitrag wie sie selbst Opfer rechtsextremer Drohungen wurde. Die neonazistische Band "White Aryan Rebels" war bekannt dafür, durch ihre Musik und Liedtexte zu Mord und Gewalttaten aufzurufen. Auch Asumang gehört zu den Opfern. Ihre Reaktion auf die offene Morddrohung: Die erste Woche war ein Versteckspiel. Die prominente Schauspielerin versucht ihre Präsenz, ihren Namen und ihre Adresse aus dem Internet zu entfernen. Vor wem sie da eigentlich Angst hat und wer ihr direkter Gegner ist, weiß sie nicht. Also recherchiert sie, zu neonazistischen Bands, zu rechtsextremen Gewalttaten - und findet letztendlich einen Namen, kein Foto: Lars Burmeister, der die Zeile sang, welche ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Und jetzt? Den bekannten und bekennenden Neonazi und seine Freunden persönlich aufsuchen? Das wäre Selbstmord, da ist sich Mo Asumang sicher. Stattdessen begleitet sie ein Theaterprojekt in der Jugendvollzugsanstalt in Wriezen und kommt dort in Kontakt mit Mördern, Vergewaltigern, Dieben und - Neonazis. Hier, hinter Gittern und Zäunen, entwickelt sich die Idee zu Asumangs erstem eigenen Film "Roots Germanina". Der Film dokumentiert, wie Mo Asmumang mit der Morddrohung von Lars Burmeister umgeht, welche Erfahrungen sie gemacht hat und begleitet sie, während sie Neonazis trifft, an einer Neonazi-Demo teilnimmt, ihre deutschen und ghanaischen Wurzeln erforscht.  Und letztendlich wagt sie es sogar, ihren "unsichtbaren" Feind Lars Burmeister aufzusuchen. Dass dieser sich weigert sie zu treffen, macht deutlich, dass der Rechtsextremismus zwar gewalttätiger geworden ist, sich aber seltener offen zu den eigenen Worten und Taten zu bekennt.

Mo Asumangs Erfahrungsbericht zeigt wie es ist Opfer rechtsextremer Drohungen zu werden. Ihr authentischer Beitrag macht deutlich, dass man als Betroffene bzw. Betroffener häufig einem unsichtbaren Gegner gegenübersteht: den Rechtsextremismus gibt es, aber sein Gesicht zeigt er selten.

"Ob du Hip-Hopper, Rapper oder sonst irgendwas [bist]…"

In seinem Beitrag beschreibt Johannes Radke den Wandel innerhalb der rechtsextremen Szene und konzentriert sich vor allem auf die Strömung der "Autonomen Nationalisten", der inzwischen der Großteil jugendlicher Neonazis angehöre. "'Vorher gab es in der Naziszene Vorgaben, was Musik, Kleidung, Essen betraf. Danach musstest du dich richten. [Als AN] konnte man freier sein. Du konntest hören was du willst, du konntest Döner essen gehen, du konntest alternative Klamotten tragen", fasst ein früherer Aktivist die Veränderung zusammen. Und zeigt somit gleichzeitig, was die "Autonomen Nationalisten" zu einer gefährlichen neuen rechtsradikalen Gruppierung macht. Der Rechtsextremismus wird moderner – und die "Autonomen Nationalisten" zeigen das: Sie adaptieren und verändern linke Symbole, akzeptieren neue, modernere Musikrichtungen, passen ihre Kleidung an und präsentieren sich in sozialen Netzwerken. Obwohl dieser Wandel in traditionellen neonazistischen Organisationen und Gruppen nicht gerne gesehen ist und auch zu Spannungen innerhalb der rechtsextremen Szene führt, verfehlen die Veränderungen ihre Wirkung nicht. Der Rechtsextremismus wird immer attraktiver für Jugendliche, der Zugang zu rechtsradikalen Netzwerken immer einfacher. Durch Netzwerke wie Facebook oder YouTube kann man Informationen teilen, Veranstaltungen organisieren und die Neonazi-Szene miteinander vernetzen. Radke zeigt in seinem Bericht, wie die rechtsextreme Szene sich verändert hat und welche Konsequenzen diese Prozesse haben.

Der Beitrag von Johannes Radke zeigt, wie sehr sich der Rechtsextremismus verändert hat: weg von traditionellen Symbolen hin zu undurchsichtigen Codes. Es ist alarmierend zu sehen, wie schnell die rechtsextreme Szene Einzug in den Alltag gewinnt und wie einfach sie Zugang zu Jugendlichen findet.

"Überzeugungstäter in einer braunen Erlebniswelt" – Der NSU

Auch der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) fehlt in diesem Band nicht. Andrea Röpkes Bericht über den NSU bietet Hintergrundinformationen zu dem Trio, das seit seiner Selbstenttarnung die Berichterstattung über Neonazis in Deutschland bestimmt. Wer sind Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe? Wie konnte die nationalsozialistische Terrorzelle aus dem Untergrund agieren? Sich finanzieren? Unbemerkt bleiben? 13 Jahre bleibt der NSU verborgen, nur durch Zufall wird der Mord an zehn Menschen aufgeklärt. Der NSU, das sind zum einen Böhnhardt und Mundlos: untergetauchte Neonazis mit vielen Kontakten in die rechtsextreme Szene, zu rechtsradikalen Organisationen, aber auch zu V-Männern vom Landeskriminalamt und Zugang zu Insider-Informationen.  Zum anderen gehört Beate Zschäpe zum NSU. Diese war mehr als nur eine "gefährliche Mitläuferin": Von der "Bild"-Zeitung lediglich als "heißer Feger" wahrgenommen, war sie verantwortlich für die Tarnung der Terrorzelle und den Aufbau eines sozialen Netzwerkes. Der Beitrag von Röpke bietet nicht nur Informationen speziell zum NSU, sondern zeigt insgesamt, wie rechtsextreme Gruppierungen strukturiert sind und miteinander agieren. Außerdem wird deutlich, wie einfach und schnell innerhalb der rechten Szene Gewaltbereitschaft erzeugt werden kann: Aus einer rechtsextremen Jugendclique wird eine der bekanntesten neonazistischen Terrorzellen, die nicht nur für zehn Tote, sondern auch für Anschläge, Diebstähle und zahlreiche Verletzte verantwortlich gemacht werden kann - mittlerweile werden ihre Mitglieder in der rechtsextremen Szene als Helden verehrt.

Das Porträt über die NSU-Opfer hingegen zeigt, wie die Hinterbliebenen auf die Morde, die Ungewissheit bis hin zur späten Aufklärung und die Entschuldigung der Bundesregierung reagieren. Eingeprägt hat sich hier vor allem der Satz von Semiya Simsek, deren Vater das erste Opfer des NSU war:

"Mein Vater wurde von Neonazis ermordet. Soll mich das jetzt beruhigen? Das Gegenteil ist der Fall."

Fazit

Der Band "Rechtsextreme Gewalt in Deutschland 1990-2013" zur gleichnamigen Ausstellung zeigt, wie sich die rechte Szene verändert hat, und bietet durch fachkundige Beiträge, Erfahrungsberichte und Porträts einen schockierenden Einblick in die Naziszene in Deutschland. Vor allem im Hinblick auf den aktuellen NSU-Prozess ist die Darstellung der Hintergründe interessant: Sie bindet zudem den Prozess der Radikalisierung mit ein. Die zunehmende Gewaltbereitschaft des Rechtsextremismus und die gefährliche Modernisierung neonazistischer Gruppierungen sind vielen in Deutschland noch nicht bewusst - und werden durch diesen Bildband erschreckend in den Fokus gerückt. Wer glaubt, dass sich der Nationalsozialismus nach 1945 aus der Öffentlichkeit in die Köpfe mancher verbliebener  Anhänger verabschiedet hat, wird schockiert feststellen, dass rechtsextreme Gewalt in den letzten zwanzig Jahren rapide zugenommen hat und wieder fester Bestandteil der Medienwelt und des Alltages ist.

Weitere Infos im Netz:

Rechtsextreme Gewalt (Bundeszentrale für politische Bildung)

Service:

Gorch Pieken (Hrsg.), Matthias Rogg (Hrsg.):

Rechtsextreme Gewalt in Deutschland 1990-2013

200 Seiten

Verlag Sandstein, 2013

ISBN 978-3-95498-015-4

 

 

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