Das war die erste Protestaktion gegen Moscheebau in Erfurt-Marbach im März 2017 mit riesigen Holzkreuzen. Nun wurde es offensiver und feindlicher.
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Mit Schweinekadavern beleidigt - Geplanter Moscheebau in Erfurt wird erneut mit religiösen Verweisen kommentiert

Kadaver und Innereien sind an sich kein sehr angenehmer Anblick. Noch weniger, wenn sie auf Hölzern ausgestellt werden und verwesen. Unverschämt wird das Bild dann, wenn diese als politische und religiöse Beleidigung platziert werden. Auf dem Grundstück der Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt-Marbach gab es erneut eine „Protestaktion“ gegen die dort geplante Moschee. Nach dem Aufstellen von Holzkreuzen im März wurden diesmal auf Holzpföcken aufgespießte Teile von Schweinekadavern gefunden .

 

Von Alina Darmstadt

 

Was ist passiert?

Gemeinde-Sprecher Mohammad Suleman Malik habe bei einer Routinebegehung am Montagmorgen die Holzpflöcke mit den stark verwesten Teilen entdeckt. Es handele sich um neun Pflöcke, an denen unter anderem ein Schweinekopf und auch diverse Kadaverteile und Innereien befestigt wurden.

AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland äußerte sich dazu: "Ich glaube nicht, dass es gut und richtig ist, Holzspieße mit Schweinekadavern aufzustellen". Diese Aktion sei etwas, "was unter Umständen individuelle Gefühle von Menschen verletzt". Dass es in Erfurt Bürger gebe, die gegen den Moschee-Bau in ihrer Gemeinde protestierten, "verstehe und billige ich aber".

 

Symbolcharakter bei islamfeindlichen Attacken

Nicht nur die Ahmadiyya-Gemeinde erlebt immer wieder politisch motivierte Beleidigungen. Abgelegte Schweineköpfe vor Moscheen oder Kulturvereinen treten in jüngerer Vergangenheit immer wieder auf. Teilweise allein stehen, in Kombination mit Hakenkreuzen oder Schildern mit „Refugees are not welcome“. Ob mit oder ohne Verweis ist die Botschaft klar. Die Botschaft des Bildes richtet sich gegen den Islam.

Wie Gaulands Differenzierungsversuch nur andeutet, gibt es einen Unterschied zwischen Beleidigungen, die sich gegen den persönlichen Glauben richten, und Debatten um das Bauvorhaben einer Moschee. Die öffentliche Debatte um Moscheebau wird sehr häufig mit rassistischen Vorurteilen über “den“ Islam und fundamentalistischer Ausdrucksform vermischt. Das Tragen der Burka oder das Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch sind ähnliche Metaphern. Der Islam als Religion und die gläubigen Menschen werden in diesen Debatten oft in das Bild einer gewaltförmigen, archaischen “Ausländerreligion“ stereotypisiert. Ein zutiefst beleidigender Kommentar, wie im aktuellen Beispiel durch Überreste von Schweinen, gilt vor allem in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen als konsensfähig. (Mehr Information dazu auf belltower.news im Artikel zum Anti-Islamisierungskongress in Köln)
 

Bereits der zweite Vorfall in Erfurt-Marbach

Für die Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt-Marbach und in den Auseinandersetzungen über den geplanten Moscheebau ist es bereits der zweite Vorfall  unter der Verwendung von religiösen Symbolen am Grundstück. Schon in der Diskussion um die Planung der Moschee gab es Widerstand. Im Herbst 2016 sammelte die AfD Unterschriften um  eine Petition mit dem Titel „Regelung religiöser und kultureller Konflikte und Gefahren bei Sakralbauten“ im Landtag einzureichen. Diese wurde vom Landtag abgewiesen. Für den selben Zeitraum finden sich auch Aufzeichnungen eines Protest-Laufs. In Burka-Kostümierung und unter dem Motto „Soll das unsere Zukunft sein?“ liefen dabei einige Menschen durch die Stadt. März 2017 wurden dann auf einem angrenzenden Grundstück große Holzkreuze aufgestellt. Die Gruppe "Bürger für Erfurt" initiierte die Aktion und wurde unter anderem vom rechten Verein "Ein Prozent – Deutschlands größtes patriotisches bürgerliches Netzwerk" öffentlich unterstützt, finanziert und in den sozialen Netzwerken verbreitet. "Ein Prozent" gehört, wie die „Identitäre Bewegung“ zu den Gruppierungen der „Neuen Rechten“. Sie engagieren sich gegen die demokratischen Grundwerte des Liberalismus, des Pluralismus und der allgemeinen Menschenwürde. Dafür, dass der Bauantrag für die Moschee von der Ahmadiyya-Gemeinde im April 2017 überhaupt erst eingereicht wurde und über eine mögliche Genehmigung noch keine Informationen existieren, spitzt sich der Protest in Erfurt mit der erneuten Aktion weiter zu.
 

Inszenierung einer Opferrolle und Verteidigungssituation

Matthias Quent, Direktor der Thüringer Dokumentations- und Forschungsstelle gegen Menschenfeindlichkeit, macht schon im Interview mit dem MDR  im Kontext der aufgestellten Kreuze in Erfurt deutlich: „Marbach wird zum Symbol gemacht – es geht längst um viel mehr als um ein Gebetshaus.“ Es gehe vor allem um die Instrumentalisierung christlicher Symbole im Protest gegen eine anders ausgelebte Religion. Als Aufhänger diene nicht ein Diskurs oder eine sachliche Kritik, sondern Ziel sei es eine Opferrolle und Verteidigungssituation zu inszenieren. In diesem Instrumentalisierungsmoment gehe es auch darum zu verschleiern, dass es auch die rechtsextremen Gruppierungen sind, die das verfassungsmäßige Grundrecht auf Religionsausübung angreifen.

Opferrolle und verharmlosendes Relativieren zeigt sich auch in der Social-Media-Diskussion um das Bild der Schweinehälften. So schreibt ein User: „Mein Gott. Da hat jemand einen Schinken luftgetrocknet. Widerlich ist das Schächten von Tieren und eine Moschee in Essen. Zieht weiter.“ Ein weiterer schreibt: „Das ist Demokratie. Das müssen Moslems schon aushalten. Ist ja schließlich ein Gastland für die.“ „Hat sich das Schwein da in die Luft gesprengt? Wo wurde es radikalisiert? Wie viele Menschen sind zu Schaden gekommen?“
 

Malik: Aktion gegen das gesellschaftliche Miteinander

Es wird allerdings ganz deutlich, dass es sich nicht, wie Gauland versucht abzumildern, um eine „Sorge“ oder Debatte handelt. Es sind die visuellen Narrative, die hier strategisch verwendet werden. Wenn man das Bild so interpretieren will, ist es eher die reale Inszenierung von Hate Speech und deren rassistischer Ressentiments.

Wer hinter der Attacke in Erfurt steht, ist noch nicht geklärt. Gegenüber unserer Redaktion äußert sich Malik, es sei ein abscheuliches Verhalten. Und es gehöre nicht in eine Stadt, in der die Gemeinde eine Kultur der Auseinandersetzung erlebt habe, die von Fairness, ehrlichem Interesse, und auch berechtigten kritischen Nachfragen geprägt sei. Gegenüber der Thüringischen Allgemeine äußert er sich : "Solche Aktionen stören nicht das Bauvorhaben der Moschee, sondern das gesellschaftliche Miteinander". 

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